90 Urlauber und Totenstille – mein bizarrer Flug an der Feuerfront von Rhodos

Dienstag, früher Morgen. Ich habe gepackt und eile zum Flughafen. Es geht nach Rhodos, wo auch heute noch, am achten Tag des Feuers, Dörfer evakuiert werden. Aber mit mir eilen auch Touristen – mitten ins Brandgebiet; nicht, um zu berichten, sondern, um sich zu erholen und Urlaub zu machen.

Was für Gedanken begleiten ihre Reise? Ist Urlaub im Krisengebiet möglich?

Der Flieger, Ryanair-Flug FR6435 von Weeze nach Rhodos, geht früh. Um 8.50 Uhr ist das Boarding, um 9.20 Uhr geht es in die Luft. Zwei Plätze waren am Montagmittag bei der Buchung noch frei. Ich erwarte einen vollen Flieger und viele Passagiere am Gate. Tatsächlich finden sich statt der zu erwartenden rund 190 nur knapp 80 bis 90 Passagiere am Abfluggate ein. Wegen der Nähe zu den Niederlanden sind geschätzt die Hälfte aus dem Nachbarland angereist.

„Wo fliege ich da bloß hin?“, fragt die Urlauberin am Gate und steigt in den Rhodos-Flieger

„Wo fliege ich da nur hin?“, fragt sich eine junge Dame, die ihre bereits auf Rhodos befindliche Freundin zum gemeinsamen Urlaub aufsucht. Man habe ihr versichert, dass die Flammen von ihrem Hotel 50 Kilometer entfernt seien, erklärt sie. „Aber was sind bei den Winden und diesem Feuer dort schon 50 Kilometer?“, zweifelt sie und kommt zum Schluss, dass sie sich auch kurz vor dem Abflug über eine Absage des Fluges nicht unbedingt ärgern würde.

Ein niederländisches Pärchen hat da weniger Sorgen. Nach Faliraki, der Rhodos-Version des Ballermanns hoch im Norden der Insel und fern vom Feuer, gehe die Reise. Faliraki als Ziel geben an diesem Morgen viele Urlauber, vor allem die Jüngeren, an.

Es fällt schon im Terminal und auch im Zubringerbus zum Flieger auf, dass außer den Jüngeren alle ungewöhnlich skeptisch wirken. Das übliche laute Geschrei und Gelächter, das sonst Urlaubsflüge begleitet, es fehlt.

Der Flug verläuft ruhig. Im halb leeren Flieger haben sich die Passagiere umgesetzt, so dass die einzelnen Familien oder Freundesgruppen zusammensitzen können. Die Stornierungen ließen die Sitzplatzbuchung überflüssig werden.

Beim Anflug auf Rhodos drücken die Touristen ihr Gesicht ans Fenster und schauen gebannt auf die Feuerfront

Doch selbst untereinander besteht offenbar kaum Kommunikationsbedarf. Beim Anflug auf den Flughafen Diagoras auf Rhodos dreht der Pilot eine große Schleife. Buchstäblich die halbe Insel, der südöstliche Teil, ist von Rauch bedeckt. Zuerst kann es von der rechten Seite des Fliegers gesehen werden, dann, nach der Schleife, auch von den Passagieren auf der linken Reihe.

Alle drücken ihr Gesicht ans Fenster und schauen gebannt auf die kilometerbreite Feuerfront, die sich wie ein Grenzzaun durch die Mitte der Insel zieht. Es ist wird totenstill im Flieger. Den gesamten Flug über sitzen die meisten mit gesenktem Kopf in ihren Sitzen oder schlafen, aber angesichts des Feuers sind alle nun noch ruhiger. Vereinzelt nur sind Gespräche mit Blick auf die großen Rauchwolken über der Insel hörbar.

Eine spezielle Durchsage zum Feuer, wie es von anderen Flügen berichtet wurde, kommt nicht vom Piloten. Das Feuer wird in keiner Durchsage oder Ansage der Flugbegleiter erwähnt. Es werden Essen und Getränke verkauft, die Sicherheitsregeln werden wie gewohnt in kaum verständlichen, schnell gesprochenen Worten durchgegeben. „Letzte Gelegenheit für einen WC-Gang vor der Landung“. Ein Routineflug? Alles normal? Vielleicht doch nicht.

Nach der Landung in Rhodos schickt mir Ryanair eine bizarre Mail

Die Überraschung kommt nach der pünktlichen Landung auf Rhodos. Ich schalte den Flugmodus des Handys ab und bekomme als erstes eine Mail von Ryanair angezeigt. Angekommen in der Mailbox ist sie um 10.41 Uhr deutscher Zeit, als ich bereits in der Luft war. Man informiert mich freundlich, dass ich den Flug, wie alle übrigen Passagiere, die vom 25. bis 27. Juli nach Rhodos gebucht sind, kostenlos umbuchen kann.

Ich beobachte meine Mitpassagiere nach der Ankunft. Fröhliche Urlauber sehen anders aus. Skeptisch eilen sie zum Ausgang oder zur Kofferausgabe. Allen gemeinsam ist ein Zusammenzucken in dem Moment, in dem sie aus der klimatisierten Zone des Flughafengebäudes in die brütend heiße Luft der aktuellen Hitzewelle treten. Auf die meisten warten Tourismusmitarbeiter, die sie abholen. Andere schnappen sich einen Mietwagen und ziehen von dannen.

Urlauber werden eingeflogen, obwohl das gebuchte Hotel schon abgebrannt ist

„Scheint ja alles wie normal zu verlaufen“, frage ich eine hilfsbereite Frau am Mietwagenschalter. „Normal? Auch gestern Morgen gab es noch Touristikunternehmer, die zum Beispiel ihre Pauschalreisenden aus Österreich munter einflogen, obwohl das gebuchte Hotel am Samstag verbrannt ist.” Und dann? „Dann geht es ab in Notunterkünfte, oder, was hier auch schon war, die Menschen mieten sich Autos, nur um am Flughafenparkplatz darin zu schlafen“.

Allem Anschein nach war keiner der Reisenden, die mit mir nach Rhodos flogen, in so einer Lage. Sie haben alle Unterkünfte im Norden der Insel gebucht.

Nun, gegen Nachmittag, tauchen zum ersten Mal, seitdem das Feuer brennt, die typischen Canadair-Löschflugzeuge im Luftraum über den nördlicheren Regionen der Insel auf und holen sich aus dem Meer vor den nördlichen Stränden, bis rauf in die Inselhauptstadt Rhodos, ihr Löschwasser. Unter den ständigen Bewohnern der Insel geht bereits die Angst um, denn das Feuer brennt weiter.

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