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Frauenstreik-Demonstration ist in linker Hand

In Zürich ist der Frauenstreik fest in linker Hand. Gehen heute auch eine Bäuerin, eine Pfarrerin und eine Bürgerliche auf die Strasse?

In Zürich begann der Frauenstreik auf dem Bürkliplatz.

Alexandra Wey / Keystone

2019 war die Euphorie enorm. Eine halbe Million Frauen trug ihren Protest über die noch immer nicht realisierte Gleichstellung auf die Strassen der Schweizer Städte. Ein hoffnungsfroher Streik in Violett.

Drei Jahre und noch mehr Corona-Wellen später ist wieder der 14. Juni, der Tag für den Frauenstreik. Es ist ein Streik, der zum Feierabend stattfindet, in Zürich startet die Demonstration um 18 Uhr auf dem Bürkliplatz und führt durch die Innenstadt zum Helvetiaplatz. Wenige Minuten vor dem Start wirkt der Bürkliplatz etwas leer. Auf einer Bank sitzt ein älterer Mann mit kurzen Hosen und Adiletten und liest den «Blick». Ab und zu schaut er auf, wenn Frauen in violetter Kleidung und mit Transparenten in der Hand an ihm vorbeigehen.

Die Stimmung ist fröhlich und entspannt wie an einem Fest, auf den Transparenten ist der Ton ein anderer. «Feuer und Flamme dem Patriarchat» steht auf einem grossen Plakat, «Lieber gleich berechtigt als später» auf einem anderen. Die meisten Personen sind jung, es sind aber auch einige Ältere darunter.

So etwa die Seniorinnen Lisbeth Suter und Annabarbara Züst. Sie kommen seit je an Frauenstreiks, «aus Solidarität». In den letzten Jahrzehnten habe sich viel getan in Sachen Gleichberechtigung, sagt Züst. «Aber es gibt noch so viele Missstände, dass ich jeden Tag an eine Demo könnte.» Sie stört sich besonders an der Lohnungleichheit. Suter nickt und sagt: «Solche Dinge sollten längst selbstverständlich sein. Aber sie sind es nicht.»

Nach und nach füllt sich der Platz, die Passanten kommen aber noch gut an den Demonstrierenden vorbei. Und irgendwie beschleicht einen das Gefühl, der Anlass habe nicht mehr das gleiche Ausmass, die gleiche Präsenz wie noch 2019. Wurde die Demonstration damals noch von verschiedenen Frauengruppen von links bis rechts organisiert, scheint nun vor allem die Linke im Lead zu sein.

Aufgerufen zu den Demonstrationen, die in über dreissig Städten stattfinden, haben primär Gewerkschaften und linke Gruppierungen. In Zürich war es das feministische Streikkollektiv. Das Kollektiv legt Wert darauf, dass es sich nicht nur für die Rechte von Frauen, sondern auch von Inter-, nichtbinären, Trans- und Agender-Menschen starkmache.

Jüngst machte die Gruppierung von sich reden, als sie den Auftritt des deutschen Comedians Luke Mockridge im Hallenstadion verhindern wollte. Mehrere Frauen werfen ihm sexuelle Belästigung vor, auch der Vorwurf einer versuchten Vergewaltigung wurde laut. Doch die Staatsanwaltschaft hat letztes Jahr die Ermittlungen gegen den Künstler eingestellt. Aus Sicht der Aktivistinnen genügten allein die Vorwürfe, um eine Absage der Show zu fordern.

Droht der Frauenstreik von einem breiten gesellschaftlichen Anlass nun zu einer Nischenveranstaltung zu werden? Die Sprecherin des Streikkollektivs glaubt noch an den Schulterschluss der verschiedenen Interessengruppen. Aber gehen auch eine Bäuerin, eine bürgerliche Nationalrätin und eine Pfarrerin noch auf die Strasse?

Die Aktivistin

Anna Meier ist Sprecherin des feministischen Streikkollektivs Zürich. Ein Foto von sich möchte sie nicht zur Verfügung stellen, da im Kollektiv keine Einzelpersonen im Vordergrund stünden. Drei Jahre nach dem grossen Streik zeigt sich Meier ernüchtert. Zwar habe der Protest im Jahr 2019 bewirkt, dass sich der Frauenanteil im nationalen Parlament von 32 auf 42 Prozent erhöht habe. «Das ist wichtig, weil das Parlament Einfluss auf die Gesetzgebung hat.»

Eine halbe Million Frauen trug ihren Protest 2019 über die noch immer nicht realisierte Gleichstellung auf die Strassen der Schweizer Städte, hier in Zürich.

Eine halbe Million Frauen trug ihren Protest 2019 über die noch immer nicht realisierte Gleichstellung auf die Strassen der Schweizer Städte, hier in Zürich.

Joël Hunn / NZZ

Doch mit der Pandemie hätten sich die Prioritäten in der Politik geändert. Bei den grossen Themen – Lohnunterschiede, Gewalt an Frauen, schlechte Bedingungen in der Care-Arbeit – habe es deshalb kaum Verbesserungen gegeben. Meier, die als Schulsozialarbeiterin tätig ist, sagt: «Gleichstellung ist eine Fleissarbeit.»

Diese Veränderung müsse auch in den Köpfen passieren. Hier gebe es noch viel Nachholbedarf. Sie nennt ein Beispiel: «Wenn eine Mutter ein 80-Prozent-Pensum hat, heisst es: Was, du arbeitest so viel? Ist dir das nicht zu streng? Bei einem Mann würden das die Leute nie fragen.»

Es gehe nicht darum, die Berufstätigkeit von Müttern zu propagieren. Jede Frau, betont Meier, solle das von ihr bevorzugte Modell leben. «Wenn es auf die klassische Rollenverteilung hinausläuft, ist das in Ordnung. Nur müssen dann die Rahmenbedingungen stimmen, damit die Frau bei einer Trennung nicht plötzlich schlechtergestellt ist.» Denn Frauen leisteten nach wie vor viel unbezahlte Arbeit.

Gleichstellungsthemen werden in Zürich besonders von linken Kreisen bearbeitet. Dennoch glaubt Meier, dass ein Schulterschluss mit Frauen aus allen Gesellschaftsschichten möglich ist. «Frauen mögen ganz unterschiedliche Lebensentwürfe haben, doch ihre Anliegen sind alle sehr ähnlich: Sie möchten ein existenzsicherndes Leben, ihre Kinder gut aufwachsen sehen, und sie wollen, dass ihnen die gleichen Rechte zugestanden werden wie Männern.» Das gelte auch für Transfrauen, die noch mehr Gewalt und Diskriminierung erfahren würden.

Die Bürgerliche

Doris Fiala meint, es sei schon viel erreicht in Sachen Gleichstellung.

Doris Fiala meint, es sei schon viel erreicht in Sachen Gleichstellung.

NZZ

Doris Fiala könnte ein Musterbeispiel sein für Gleichstellung. Sie ist Unternehmerin, Nationalrätin und Mutter dreier erwachsener Kinder. Und sie war von 2017 bis 2020 Präsidentin der FDP-Frauen Schweiz. Auf die Strasse geht sie am Dienstag trotzdem nicht. Demonstrieren sei nicht so ihr Ding, sagt sie. Sie findet es zwar gut und richtig, dass einem grossen Anliegen Gehör verschafft werde, «aber einigen geht es bei diesen Demos wohl mehr ums Happening». Die linken Parteien versuchten zudem etwas allzu krampfhaft, das Thema zu bewirtschaften. «Ich will die Gleichstellungsfrage sicher nicht kleinreden», sagt sie, «und es gibt auch noch Verbesserungspotenzial. Aber wir dürfen auch nicht ignorieren, dass wir schon sehr viel erreicht haben. Bei meiner Heirat 1982 hätte ich theoretisch meinen Mann noch fragen müssen, ob ich weiter arbeiten darf.»

Moderne Unternehmen hätten heute aber längst begriffen, dass man Gleichstellung leben müsse, wenn man erfolgreich sein wolle. Mittlerweile steige auch der internationale Druck. So habe Philipp Hildebrand, Vizepräsident des weltgrössten Vermögensverwalters, Blackrock, damit gedroht, nicht mehr in Unternehmen zu investieren, die in der Genderfrage nicht fortschrittlich seien. Und angesichts des Fachkräftemangels seien auch KMU im Zugzwang.

Seitens der Unternehmen passiere also einiges. Fiala sieht zudem auch die Frauen selbst in der Verantwortung: «Wir müssen lernen, selbstsicherer aufzutreten. Es sind immer noch eher die Männer, die sagen: Ich will, ich kann, ich werde.» So sei es für ihre Partei nach wie vor schwierig, genügend Frauen für die Nationalratsliste zu finden.

Wichtig sei es auch, Prioritäten zu setzen. Ob Mann oder Frau: Man könne sich schlicht nicht gleichzeitig voll im Beruf, in der Familie und der Politik engagieren. So hat Fiala mit dem Einstieg in die Politik gewartet, bis sie über 40 Jahre alt war, «und ich habe es dann ja noch ganz gut hinbekommen». Um im Beruf den Anschluss nicht zu verlieren, müsse man in Kaderpositionen aber auch nach der Geburt der Kinder bereit sein, mindestens 80 Prozent zu arbeiten. Entsprechend zentral seien gute Kinderbetreuungsangebote.

Der Grundstein werde aber schon in der Kindheit gelegt: «Wir müssen das Selbstbewusstsein der Mädchen stärken», sagt Fiala. Insbesondere in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) seien Frauen immer noch zu wenig vertreten. Das müsse sich ändern. «Wir brauchen nicht nur Politologinnen und Juristinnen.» Zudem sei lebenslange Weiterbildung ein Schlüssel zum Erfolg. Sie selbst absolviere derzeit im Alter von 65 Jahren noch einen Lehrgang für Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräte an der Uni St. Gallen.

Die Bäuerin

Das Leben von Bäuerinnen mag man sich sehr traditionell vorstellen, doch Gleichstellung betrifft sie in einem besonderen Mass. Die meisten arbeiten neben der Kindererziehung auch aktiv auf dem Hof mit, häufig aber, ohne einen Lohn dafür zu erhalten. Und das kann bei einer Scheidung oder im Alter zum grossen Problem werden, weil dann in der Altersvorsorge grosse Lücken klaffen.

Gabi Schürch-Wyss setzt sich dafür ein, dass Bäuerinnen eine gute Altersvorsorge haben.

Gabi Schürch-Wyss setzt sich dafür ein, dass Bäuerinnen eine gute Altersvorsorge haben.

PD

Gabi Schürch-Wyss ist selbst Bäuerin und Vizepräsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbands. Sie sagt: «Wir kämpfen schon seit Jahrzehnten dafür, dass sich die Situation verbessert.» Unter anderem mit politischem Lobbying und Sensibilisierungskampagnen. Gerade bei der sozialen Absicherung habe man in den letzten Jahren Fortschritte erzielen können.

Demonstrieren wird Schürch-Wyss am Dienstag gleichwohl nicht. «Ich werde zu Hause für die Familie, den Betrieb und den Verband arbeiten und so zur Verbesserung der Situation für die Frauen beitragen», sagt sie. Der Verband ruft denn auch nicht zum Streik auf, man überlasse es den Kantonalverbänden, in welcher Weise sie sich engagieren wollten.

Den Streik befürwortet sie aber durchaus. «Jede Frau und jede Organisation muss sich selbst überlegen, welche Art des Engagements die richtige für sie ist. Die Form ist nicht so wichtig, entscheidender ist, dass wir alle etwas tun. Und dass wir zusammenarbeiten und nicht gegeneinander.» Neben den lauten Tönen brauche es auch die leiseren. Für den Dienstag hat der Verband deshalb über die sozialen Netzwerke die Bäuerinnen und Landfrauen dazu aufgerufen, für politische Ämter zu kandidieren. «So können wir die Politik aktiv in unserem Sinn mitgestalten.»

Wenn immer möglich, sollten Frauen in den Landwirtschaftsbetrieben entlöhnt werden, sich als selbständig erwerbend anerkennen lassen oder einen eigenen Betriebszweig führen, sagt Schürch-Wyss. Das Thema sei hochkomplex, weil die Ausgangslage auf jedem Hof wieder eine andere sei. Entsprechend wichtig sei es, sich frühzeitig beraten zu lassen. «Natürlich ist es nicht romantisch, wenn man vor der Hochzeit schon über eine Scheidung nachdenken muss.» Aber damit liessen sich viele Probleme aus der Welt schaffen.

Die Pfarrerin

Sabine Scheuter: «Wir haben noch viel Arbeit vor uns.»

Sabine Scheuter: «Wir haben noch viel Arbeit vor uns.»

PD

Kirchliche Frauenorganisationen hatten für den grossen Frauenstreik 2019 eigens einen Kleber kreiert: «Gleichberechtigung. Punkt. Amen», stand darauf. Damals sei man gemeinsam an den Streik gegangen, sagt die reformierte Pfarrerin Sabine Scheuter, «vor allem auch, um unsere katholischen Schwestern zu unterstützen, für die es in Sachen Gleichstellung ja noch deutlich schlechter aussieht».

Scheuter präsidiert die Frauenkonferenz der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz und ist zuständig für Gender und Diversity bei der Zürcher Landeskirche. Für den diesjährigen Frauenstreik hat sie nichts Spezielles organisiert. Sie werde entweder privat mit Freundinnen in Zürich an die Demo gehen oder an einen Rundgang zum Thema Care-Arbeit im Baselbiet, der von der dortigen kirchlichen Genderstelle mitorganisiert wurde.

Dass die Kirche heuer ihre Forderungen nicht mit der gleichen Vehemenz auf die Strasse trägt, bedeutet nicht, dass sie das Thema nicht mehr beschäftigt. Erst zwei Jahre ist es her, dass der damalige Präsident Gottfried Locher nach Missbrauchsvorwürfen zurückgetreten ist. Eine interne Untersuchung bestätigte später die Vorwürfe, eine Angestellte sei in ihrer sexuellen, psychischen und spirituellen Integrität verletzt worden. Locher selbst sieht sich als Opfer einer Verschwörung.

Auf den Mann folgte eine Frau als oberste Schweizer Reformierte. Die Wahl von Rita Famos sei von grosser Symbolwirkung gewesen, sagt Scheuter. Und mehr als das: «Wir spüren auch inhaltlich eine stärkere Unterstützung in Gleichstellungsfragen.» In den letzten Jahren habe es in vielen Bereichen Fortschritte gegeben. Wurden 2016 erst zwei Kantonalkirchen von Frauen geführt, sind es heute deren neun. «Dass wir nun eine Präsidentin haben, hat auch andere Frauen ermutigt, Führungspositionen zu übernehmen.» Auch in den Parlamenten bzw. Synoden sei der Frauenanteil in den vergangenen fünf Jahren gestiegen, von rund einem Drittel auf 40 bis 45 Prozent.

Allerdings entspreche auch dieser Anteil noch nicht dem Anteil der weiblichen Kirchenmitglieder oder dem Engagement der Frauen in der Kirche. Und auch sonst seien viele wichtige Führungspositionen noch mehrheitlich von Männern besetzt. «Wir haben also noch Arbeit vor uns.»

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