Symptome und Vererbung der Bluterkrankheit

Die Hämophilie ist eine Erbkrankheit, bei der die Blutgerinnung gestört ist. Bereits kleinste Verletzungen können zu lebensgefährlichen Blutverlusten führen. Was die beiden Hämophilieformen A und B unterscheidet und was Betroffene in ihrem Alltag beachten müssen.

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Kurzübersicht: Häufige Fragen und Antworten

Was passiert, wenn man Hämophilie hat? Bei einer Hämophilie ist die Blutgerinnung gestört. Wunden, die nicht behandelt werden, bluten deshalb sehr lange.

Wie alt werden Menschen mit Hämophilie? Früher war die Lebenserwartung mit der erblich bedingten Gerinnungsstörung stark reduziert, Betroffene erreichten durchschnittlich nur das 30. Lebensjahr. Aufgrund neuer Behandlungsmethoden unterscheidet sich die Lebenserwartung von hämophilen Personen heute kaum noch von solchen ohne die Erbkrankheit.

Im Überblick:

Blutbild: Wichtige Blutwerte und was sie bedeuten

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Was ist Hämophilie?

Die Hämophilie oder Bluterkrankheit ist eine Erbkrankheit des menschlichen Gerinnungssystems, bei der das Fehlen oder die Fehlfunktion bestimmter Blutbestandteile (Gerinnungsfaktoren) zu einer Störung der normalen Blutstillung führt. Infolge tritt eine erhöhte Blutungsneigung auf. Bereits kleinste Wunden können in schwerwiegenden Fällen einen lebensbedrohlichen Blutverlust hervorrufen. Deshalb müssen Betroffene in ihrem Alltag das Verletzungsrisiko möglichst geringhalten.

Hämophilie ist eher selten. Männer sind aufgrund des Vererbungsmusters häufiger betroffen als Frauen. Rund zwei von 10.000 Männern sind an der genetisch bedingten Gerinnungsstörung erkrankt.

Zwei Hämophilieformen: A und B

Fachleute unterscheiden je nach betroffenem Gerinnungsfaktor zwei Formen der Hämophilie:

  • Hämophilie A: Bei Typ A ist der Gerinnungsfaktor VIII betroffen. Diese Form der Erkrankung ist mit 85 Prozent der Fälle die weitaus häufigere, weshalb im Englischen auch von “classic hemophilia” die Rede ist.
  • Hämophilie B: Bei dieser Erkrankungsform fehlt der Faktor IX oder er ist inaktiv. Im Englischen wird auch von der sogenannten “Christmas disease” gesprochen. Dies leitet sich vom ersten bekannten Fall mit der Erbkrankheit hab. Der Junge hieß Stephen Christmas.

Hämophilie: Welche Symptome sind möglich?

Vor allem wenn Blutungen ohne erkennbare Ursache auftreten, etwa Nasenbluten, kann das ein Hinweis auf die Hämophilie sein. Oft kann schon die Blutung nach Entfernen der Nabelschnur beim Säugling nicht gestillt werden.

Hämophilie A und B sind anhand ihrer Symptome nicht unterscheidbar, allerdings variieren die Symptome und die Blutungsneigung je nach Schwere der Erkrankung.

Schwere Hämophilie

Bei einer schweren Hämophilie liegt die Aktivität des betroffenen Gerinnungsfaktors unter 1 Prozent. Die Symptome sind stark ausgeprägt. Möglich sind unter anderem:

  • spontane Einblutungen in Gelenke (vor allem das Kniegelenk ist betroffen) mit Entwicklung einer Arthrose bis hin zur Gelenkversteifung als Spätfolgen; dies ist oftmals mit starken Schmerzen verbunden

  • großflächige Blutungen (Blaue Flecken = Hämatome) ohne ursächliches Trauma

  • Blutungen des Gastrointestinaltraktes (Bluterbrechen, dunkel bis schwarz gefärbter, schmieriger Stuhl, Blutauflagerungen)

  • häufiges Nasenbluten

  • Nabelschnurblutungen nach Geburten

  • verstärkte Blutungen während der Menstruation

Mittelschwere Hämophilie

Die Restaktivität des jeweiligen Gerinnungsfaktors liegt bei 1 bis 5 Prozent. Spontane Blutungen sind ebenfalls möglich, aber seltener. Typisch sind vor allem anhaltende Blutungen nach Verletzungen oder Operationen.

Milde Hämophilie

Die milde Hämophilieform wurde früher als “Subhämophilie” bezeichnet, der Begriff gilt mittlerweile als überholt. Die Aktivität des betroffenen Gerinnungsfaktors liegt noch bei 5 bis 40 Prozent. Meist fällt die Erkrankung erst nach Operationen auf, weil es zu langanhaltenden Blutungen kommt. Spontanblutungen sind nicht typisch. Diese Variante ist häufiger bei Frauen als bei Männern.

Ursache: Hämophilie entsteht durch Vererbung

Beiden Hämophilieformen liegen genetische Veränderungen zugrunde. Diese werden in der Hälfte der Fälle von den Eltern auf das Kind übertragen, in der anderen Hälfte durch spontane Mutationen (Veränderungen im Aufbau eines Gens durch Fehler bei der Zellteilung) verursacht.

Es sind viele verschiedene Gendefekte bekannt, die zu einer Hämophilie führen können, ihnen allen ist jedoch gemeinsam, dass sie Gene betreffen, die auf dem weiblichen Geschlechtschromosom, dem X-Chromosom, liegen. Fachleute sprechen deshalb auch von einem x-chromosomal rezessivem Erbgang.

Rezessiv bedeutet, dass die Krankheit klinisch nicht oder nur in einer sehr abgeschwächten Variante zum Ausbruch kommt, wenn von zwei X-Chromosomen eines Chromosomensatzes nur eines das defekte Gen trägt. Da Frauen zwei X-Chromosomen, Männer dagegen nur ein X- und ein Y-Chromosom besitzen, leiten sich aus diesem Erbgang folgende Grundsätze ab:

  • Ein männlicher Patient mit Hämophilie ist genetisch krank, ein Mann dagegen, der nicht hämophil ist, ist auch genetisch gesund.

  • Eine Frau, die nicht hämophil ist, kann genetisch gesund oder krank sein, das heißt, sie besitzt entweder zwei intakte X-Chromosomen oder ein intaktes und eines, das eine Mutation trägt, die durch die Funktion des anderen Gens keine oder nur ganz leichte Symptome verursacht. In einem solchen Fall bezeichnet man die Frau auch als Konduktorin, also als Überträgerin der Krankheit.

  • Alle Töchter eines Mannes mit Hämophilie sind Überträgerinnen (denn sie können vom Vater nur das kranke X-Chromosom erhalten)

  • Alle Söhne eines hämophilen Mannes mit einer genetisch gesunden Frau sind gesund (denn sie erhalten das gesunde X-Chromosom der Mutter und vom Vater das Y-Chromosom)

  • Eine Konduktorin gibt ihr krankes X-Chromosom mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit an die Kinder weiter. Für eine Tochter bedeutet das, dass auch sie mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit Konduktorin wird. Für einen Sohn resultiert daraus eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, an Hämophilie zu erkranken.

Wie wird Hämophilie festgestellt?

Für die Diagnose ist neben der erblichen Vorbelastung die Gerinnungsfähigkeit des Blutes entscheidend. Neben einer Familienanamnese spielen deshalb die genauen Beschwerden eine Rolle. Daneben werden verschiedene Laboruntersuchungen durchgeführt, um die Blutstillung exakt beurteilen zu können.

Außerdem können so auch andere Ursachen für die Gerinnungsstörung ausgeschlossen werden, etwa das Von-Willebrand-Syndrom. Bei dieser Blutstillungsstörung fehlt ein Eiweiß im Körper (Von-Willebrand-Faktor), welches unter anderem einen Wundverschluss zwischen einer Wunde und den Blutplättchen bildet. Das Willebrand-Syndrom ist weltweit die häufigste Erkrankung der Blutstillung.

Laborergebnisse bei Hämophilie A und B

Für die Diagnosestellung werden verschiedene Laborparameter zurate gezogen. Unter anderem werden ein großes Blutbild angelegt sowie die Gerinnungsfaktoren bestimmt. Die Ergebnisse unterscheiden sich maßgeblich, je nachdem ob eine Hämophilie A oder B vorliegt.

  • Typ A: Die sogenannte aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT) ist verlängert, sie gilt als Maß für einen bestimmten Teil der Gerinnungskaskade. Der Quick-Wert beziehungsweise der INR sind im Normalbereich und der Gerinnungsfaktor VIII ist vermindert.

  • Typ B: Die aPTT ist ebenfalls erhöht. Der Quick-Wert liegt im Normalbereich und der Faktor IX ist erniedrigt.

Daneben kann auch die Aktivität der jeweiligen Gerinnungsfaktoren bestimmt werden.

Wie lässt sich Hämophilie behandeln?

Hämophilie ist aktuell nicht heilbar, jedoch wird intensiv an Möglichkeiten geforscht, die Krankheit vollständig zu heilen. Vielversprechend sind vor allem Ansätze der Gentherapie. Einige gentherapeutische Medikamente zur Behandlung schwerer Formen von Hämophilie sind bereits in der EU zugelassen. Diese Therapeutika werden einmalig in einige Leberzellen injiziert. Sie wirken wie ein Bauplan und sollen in der Leber die Produktion der fehlenden Faktoren anregen. Ob die Therapie längerfristig erfolgreich ist, lässt sich bislang jedoch nicht sagen.

Daneben gibt es weitere Ansätze zur Behandlung der Hämophilie. Ziel ist es, schwerwiegende Blutungen und damit verbundene Komplikationen zu vermeiden. Bei schweren und mittelschweren Formen werden Gerinnungsfaktoren etwa von außen zugeführt. Hierbei gibt es zwei Herangehensweisen, die bedarfsorientierte sowie die prophylaktische Therapie:

  • Bedarfsorientiert: Gerinnungsfaktoren werden über die Vene in den Körper nur bei Bedarf gespritzt, etwa vor einer Operation oder im Verletzungsfall.

  • Prophylaxe: In schweren Fällen ist meist eine prophylaktische Therapie angezeigt, weil es häufig zu Spontanblutungen kommt. Die fehlenden Faktoren werden dann alle paar Tage in die Vene gespritzt. Viele Patient*innen lernen, sich die Spritzen selbst zu verabreichen und müssen somit nicht so häufig eine ärztliche Praxis aufsuchen.

Manche Betroffene entwickeln im Verlauf der Erkrankung Antikörper gegen die Gerinnungsfaktoren (Hemmkörper). Eine solche Hemmkörperhämophilie kann mithilfe einer Desensibilisierung behandelt werden.

Daneben gibt es zum Beispiel vor kleinen chirurgischen oder zahnärztlichen Eingriffen bei leichter Hämophilie die Möglichkeit, ein Medikament zu verabreichen, das zusätzliche Gerinnungsfaktoren aus den Speichern der Gefäßwände freisetzt und so zu einem kurzfristig verwertbaren Anstieg der Faktorenkonzentration im Blut führt (Desmopressin). Sind die Speicher allerdings erst erschöpft, hilft auch hier nur der Ersatz von außen. Auch Tranexamsäure kann bei einer leichten Erkrankungsform die Blutungsneigung reduzieren.

Welche Komplikationen sind möglich?

Unbehandelt kann Hämophilie schwerwiegende Folgen haben. Besonders gefährlich sind beispielsweise plötzlich auftretende Blutungen im Nasen-Rachen-Raum und im Mundbodenbereich, da hier akute Erstickungsgefahr bestehen kann.

Häufige Blutungen in ein Gelenk richten in diesem dauerhaft Schaden an. Infolge ist die Bewegung oft eingeschränkt oder das Gelenk verformt, weshalb Betroffene etwa ihre Beine nicht mehr ausreichend bewegen können und schlimmstenfalls auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Blutungen in Muskeln führen oftmals zu Gewebe- und Nervenschädigungen und infolge ebenfalls zu Bewegungseinschränkungen.

Daneben können spontane schwere Blutungen im Gehirn den Hirndruck erhöhen und die Blutzufuhr unterbrechen. So ein Schlaganfall kann lebensbedrohlich sein oder auch langfristige Einschränkungen nach sich ziehen. Ebenfalls gefährlich sind Blutungen in der Bauchhöhle, welche unter Umständen eine Verletzung lebenswichtiger Organe nach sich ziehen.

Generell gilt: Hört eine größere Wunde nicht auf zu bluten, kann der damit einhergehende Blutverlust lebensbedrohlich werden.

Leben und Alltag: Komplikationen bei Hämophilie vermeiden

Für Betroffene ist es wichtig, verschiedene Maßnahmen zu ergreifen, damit es nicht zu Komplikationen kommt.

In der Prävention von Komplikationen gibt es einige wichtige Regeln zu beachten:

  • Es sollten keine Medikamente eingenommen werden, die die Blutungsneigung erhöhen. Dazu gehören insbesondere auch Schmerzmittel, die teilweise rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind. Der bekannteste Vertreter unter ihnen ist Acetylsalicylsäure (ASS).

  • Bei operativen Eingriffen muss besonders auf eine sorgfältige lokale Blutstillung geachtet werden. Das heißt, die Nähte müssen sorgfältiger als sonst genäht sein und es sollten zusätzliche Techniken wie spezielle Wundkleber zum Einsatz kommen. Deshalb müssen Ärzt*innen vor einem Eingriff unbedingt über die Erkrankung informiert werden.

  • Hämophile Menschen sollten auf jeden Fall einen Notfallausweis mit sich führen. Darin sollten unter anderem folgende Informationen zu finden sein: die genaue Diagnose, der Schweregrad der Erkrankung, eventuell vorhandene Hemmkörper sowie die Telefonnummer der behandelnden Facharztpraxis.

Während die Erkrankung früher zu massiven Einschränkungen geführt hat, haben sich durch medizinischen Fortschritt die Bedingungen deutlich gebessert. Hämophile Menschen mussten früher auf Kontaktsportarten und Handwerksberufe verzichten, heute ist dies durch die Behandlung mit Gerinnungsfaktoren nicht mehr nötig.

Trotzdem sollte bei einer erhöhten Blutungsneigung das Risiko für Verletzungen möglichst minimiert werden. Auch sollten die Gelenke nicht zusätzlich durch zu anspruchsvolle Sportarten oder andere Aktivitäten belastet werden. Für Menschen mit Hämophilie ist jedoch vor allem wichtig zu wissen, was im Notfall zu tun ist. Auch Kinder sollten früh, an den selbstständigen Umgang mit der Erkrankung herangeführt werden.

Eine besondere Herausforderung kann es für kleine und große Patient*innen sein, sich die benötigten Medikamente selbst zu spritzen: Mit etwas Geduld und Übung lässt sich dies jedoch gut einüben.

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